Wie erklärt man Sehnsucht?

Geschrieben von YoFisMam. Abgelegt unter Tagebuch von Mama

Vier Wochen und einen Tag ist YoFi nun schon zu den Engeln gegangen und noch immer hält die Lähmung mich gefangen.
An manchen Tagen sitze ich da, als sei meine Welt in Ordnung, lache mit Freunden, erinnere mich voller Freude an meinen kleinen Prinzen und suche die Tränen in mir, die sich so oft verweigern, herauszukommen. Mein Gewissen schreit mich innerlich an und fordert, doch mein Körper ist wie erstarrt.
Die Menschen um mich herum beäugen mich, als warten sie auf etwas, als werten sie, wie ich mit dem Verlust meines Kindes umgehe. Ich will ihnen nicht zeigen, wie es mir geht. Will sie nicht sehen lassen, dass in mir alles schwach ist. Je mehr ich es ihnen zeige, je grausamer sind oft die Floskeln, mit denen sie um sich werfen, um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen, wenigstens das Beileid ausgesprochen zu haben.
So viele Menschen beurteilen und ziehen Register über das Leben meines Sohnes, dass ich fast glauben könnte, sie reden von ihm, als kannten sie ihn. Nur kannten sie ihn dann nicht wirklich!

Ist den Menschen eigentlich bewusst, wie sehr Worte verletzen wie „Wer weiß wozu es gut ist!?“, „Er leidet doch nun nicht mehr.“, „Das Schicksal wird wissen, warum es das so gewollt hat“ oder „Ihr habt doch noch so viele andere Kinder…“
Gerade beim letzten Satz möchte ich primitiv werden!
Wie kann man Eltern so etwas sagen? Für mich ist jedes meiner Kinder individuell und einmalig! Wie kann man von einem verstorbenen Kind wie von einer defekten Küchenmaschine sprechen, die man jederzeit austauschen oder ihre Funktion von anderen Küchengeräten übernehmen lassen kann?
Ich sollte darüber stehen, über die dreiste Naivität der Menschen, die sie mit „Klugheiten“ um sich werfen lassen, die niemand, außer sie selbst vielleicht hören wollen. Aber das kann ich nicht. In mir wächst die Wut auf die, die mein Kind und sein Leben bewerten, uns als Familie beobachten und beurteilen.
Viele von ihnen tuscheln hinter unserem Rücken „Das ist die Familie mit dem behinderten Kind. Die konnten den Hals mit Kindern ja nicht voll genug kriegen…“
Erbärmlich! Einfach nur erbärmlich!!!

Solche Menschen scheren sich nicht im Ansatz, wirklichen Trost oder Anteilnahme vermitteln zu wollen. Sie wollen nicht auffangen oder halten. Für diese Menschen ist man nur die Grundlage einer neuen Story, über die man sich das Schandmaul zerreißen kann, weil man im eigenen Alltag zu frustriert ist, sich über das eigene Leben Gedanken zu machen.
Oh ja, ich bin mir bewusst, dass auch von ihnen einige dabei sind, die dies hier lesen. Das dürfen sie auch gern tun. Dann haben sie den nächsten Aufhänger abwertend über uns zu reden. Ich brauche diese Menschen nicht. Habe sie nie gebraucht und werde sie nie brauchen. Schade ist nur, dass sich meist die Falschen angesprochen fühlen, die sich Gedanken darüber machen, ob sie wirkliche Freunde für uns sind. Gerade diese ECHTEN Freunde sprechen mit uns, sagen ehrlich, wenn ihnen die Worte fehlen, sie nicht wissen, was sie uns wünschen sollen. Sie werten uns nicht, sondern sind einfach da. Ist es nicht seltsam, dass diese Menschen, die teilweise hunderte Kilometer entfernt leben, einem manchmal näher stehen, als die Menschen, denen man tagtäglich auf der Straße begegnet?
Ich will nicht unfair sein. Auch in unserem direkten Umfeld gibt es liebe Menschen, die an unserer Seite stehen. Aber im Vergleich zu denen, die auf uns herabzusehen versuchen, bilden sie eine Minderheit. Zumindest kommt es einem oft so vor.

In der Vergangenheit habe ich meist bewusst ignoriert, wie grausam die Menschen um einen herum sein können. Auch jetzt würde ich keinen Gedanken darüber verschwenden, wenn es dabei nicht um ein Urteil über mein Kind ginge.
Ich erlaube niemandem, der meinen Sohn nicht kannte, niemandem, der uns nicht nah genug steht, um unser Wesen zu kennen, eine Beurteilung über YoFi abzugeben. Mein Sohn lebte und wir waren an seiner Seite. Wir haben ein so großes Wunder erfahren, so viel von ihm gelernt, dass ich die, die sich in ihrem Abstand sicher fühlen und hinter unserem Rücken reden, fast bemitleiden könnte, weil sie nie verstehen werden, wie es ist, ein Wunder zu erleben. Sie sind arm, wenn sie ihr Augenmerk auf eine behindertes Kind fokussieren, dass sehr krank war und „gnädigerweise“ sterben durfte.
Ab dem Moment seiner Geburt, sahen wir unseren kleinen Prinzen nicht als behindert an und wir hätten uns niemals das Recht herausgenommen zu denken, dass sein kleiner Körper nicht verdient zu leben. Für uns gab es nur Yorik-Finnley, einen tapferen und großen Kämpfer, der ein so wunderbares, offenes Herz für jeden hatte, der ihm mit Zuneigung begegnete.

Wie also soll man nach außen trauern, wenn man weiß, von welchen Hyänen man teilweise umringt ist? Da bleibt nur, sich in seine Kammer zu verschließen, im Dunkeln zu weinen. Still und für sich allein. Ja, das sind intime Momente, die ich nicht mit denen teilen werde, die es in meinen Augen nicht verdienen, überhaupt über meinen Sohn zu sprechen.
Und ich werde es auch nicht denen gegenüber tun, die über mich sagen, es sei krank und geltungssüchtig, öffentlich mein Tagebuch zu schreiben, um Aufmerksamkeit zu erregen oder gar Geld damit zu verdienen. Ich wusste noch gar nicht, dass man für das Niederschreiben seiner Gefühle Geld bekommt. Vielleicht können die, die etwas solches behaupten, mir Stellen nennen, wo ich eine Rechnung einreichen kann?
Da draußen sind so viele Menschen, die Ähnliches erleben mussten oder gerade müssen, wie wir. Sie kennen die Gefühle, wissen, wie einsam man sein kann und wie Angst und Hoffnung zu zerfressen vermögen. Zu viele von ihnen kennen Reaktionen des Umfelds, wie wir sie erleben. Für DIESE Menschen schreibe ich meine Gefühle öffentlich. IHNEN möchte ich zeigen „Ihr seid nicht allein!“. Und in jedem Brief, der mich erreicht, von Menschen, die mir danken, weil ich ausgesprochen habe, was auch sie fühlen, weiß ich, wie richtig es ist, nicht aufzuhören. Diese Menschen fühlen sich angesprochen, schreiben mir ihre Geschichte und lassen zu, dass man an ihren Gefühlen teilhat. Das empfinde ich als Ehre!
Aber ich danke auch den Menschen, die den Mut haben, meine Gefühle mitzuerleben, ohne selbst erfahren zu müssen, wie groß der Schmerz des Verlustes sein kann. Aus ihren Zeilen erfahre ich, dass Ignoranz keine typisch menschliche Eigenschaft ist, sondern dass viel mehr Menschen bereit sind, einander näher zu kommen und sich gedanklich fest im Arm zu halten.

Wir sind dabei, die Homepage von YoFi zur Community auszubauen, in der Menschen, die Ähnliches erlebten und erleben, wie wir, einen Platz finden können, wo sie nicht der Ignoranz und Kälte begegnen. Halt und Miteinander, wollen wir geben, füreinander da sein, zuhören, trösten und uns auch gemeinsam freuen, wenn Wege in die Zukunft führen. Das, die wahren Freunde um uns, aber vor allem meine Familie und die Erinnerung an meinen wunderbaren Sohn Yorik-Finnley, der immer mein ganz besonderer kleiner Sohn, mein Engel und Lehrer sein wird, sind die Kraft, die mir gestattet nach vorn zu sehen und ich werde mich niemandem gegenüber rechtfertigen, der das nicht verstehen kann oder will.

Und wieder haben sich Tränen zurückgezogen, um der Wut Platz zu machen. Aber ist das wirklich so schlimm? Wut macht zumindest nicht schwach.
Meine Schwäche und meine Tränen gehören nicht nach da draußen, sie gehören meinem kleinen Prinzen YoFi. Bei ihm weiß ich, dass ich weinen darf, wenn ich zu ihm spreche, sein Seepferdchen in den Armen halte und an seiner Decke rieche, die noch immer seinen Duft trägt.

Sehnsucht ist, wenn Dein Herz Dir Bilder zeigt,
auf denen Deine Arme halten,
Du Wärme spürst,
zärtlich berührst
und Deine Augen Dir die Leere offenbaren,
die in Deinen Armen liegt,
Deine Haut Dich die Kälte spüren lässt
und niemand da ist, den Du berühren kannst.

Für Yorik-Finnley