Archiv für 22. Februar 2012

Innerlich wie gelähmt

Geschrieben von YoFisMam. Abgelegt unter Tagebuch von Mama

Vier Tage ist mein Baby nun schon tot und immer noch nicht begreife ich es. In mir ist etwas, wie gelähmt, hindert mich zu fallen, bewahrt mich vor zu großem Schmerz und ich weiß, das alles ist nur vorübergehend, nur ein kurzer Schutz, der mich bald all dem ausliefert, was ich mir zu spüren wünsche, um mir bewusst zu werden, dass ich nicht einfach ins Auto steigen und zu meinem kleinen Prinzen fahren kann.
In der Nacht, als er starb, fragte mich die Schwester, ob heute ein besonderes Datum sei, dass er es mit einem Mal so eilig hatte. Zuerst verneinte ich, denn ich dachte daran, dass meine Großmutter erst zwei Tage später Sterbetag hatte.
Und dann fiel es mir plötzlich ein. Ich sah die Diskussion mit meiner Frauenärztin vor mir, wie sie den Geburtstermin anhand der letzten Regel berechnete und ich ihr unzählige Male versicherte, dass es nur eine einzige Nacht gab, in der YoFi gezeugt worden sein konnte. Die Nacht vom 17. auf den 18. Februar 2011!
Genau ein Jahr später verließ er uns, in der Nacht vom 17. auf den 18. Februar 2012. Als ich es der Schwester erzählte, lächelte sie und sagte, dass es dann doch ein besonderes Datum für YoFi sei.
Ein Jahr. Nicht mehr, nicht weniger, genau ein Jahr. Und zurück bleiben die Fragen, warum genau ein Jahr?
Es heißt so oft, dass besonders starke Seelen, den Weg auf Erden überspringen und früher heimkehren dürfen. Ja, YoFi ist eine besonders starke Seele, das ist uns in jedem Augenblick bewusst gewesen, den wir bei ihm waren.
Das zu wissen, erleichtert und dann kommen diese anderen Fragen, die, die man sich nicht stellen will und die doch da sind. Als wir erfuhren, dass unser kleiner Prinz das Down-Syndrom haben würde, sagten viele Menschen zu uns, dass besondere Kinder sich besondere Eltern aussuchen. Ein Spruch, der den trösten soll, der anfangs erschrickt und sich nach dem „Warum“ fragt. Ich gebe zu, dass ich in der Schwangerschaft mehr als einmal dachte, dass eben dieser Spruch wahr sein muss. Wie hätte ich anders denken können, ohne mich nach dem Sinn zu fragen?
Aber was ist, wenn diese besonderen Kinder ihre Eltern wieder verlassen? Waren die Eltern dann nicht besonders? Haben sie ihre Aufgabe nicht gut genug erfüllt? Wird dann der Spruch nach belieben erweitert in „Besondere Kinder suchen sich besondere Eltern aus. Denn diese sind stark genug, damit umgehen zu können, wenn die Kinder gehen“?
Es tut mir leid, dann bin ich kein Teil besonderer Eltern, denn ich bin nicht stark genug, um nur in Freude und Dankbarkeit weiter zu leben. Ich bin voller Schmerz, der sich tief in mich hinein bohrt und festfressen will, einem Schmerz, der sich höhnisch lachend in mir breit macht und mir zuflüstert „Versuch doch, mich zu vertreiben!“

Ich versuche mich abzulenken, beschäftige mich, versuche, meine Tage völlig auszufüllen, um keine Zeit zu haben, wirklich nachzudenken, denn nachdenken bedeutet trauern und ich bin noch nicht bereit, in diese Loch zu fallen. Ich will Freude empfinden, wenn ich an meinen Sohn denke und nicht Traurigkeit, dass ich ihn nie wieder im Arm halten und in seine dunkelblauen Augen schauen kann, die mich so vertrauensvoll anblicken.
Und es ist Wut in mir. Wut auf die Menschen, die nie bei meinem YoFi waren, ihn nur aus unseren Erzählungen oder vielleicht von Fotos kennen und die uns ihr Beileid bekunden, indem sie uns sagen „dass es doch besser für ihn sei, er habe sich doch nur gequält“. Denkt irgendjemand, der so „taktvoll“ sein Beileid ausspricht, auch nur einmal darüber nach, was er dem Trauernden damit antut? Selbst wenn ein Funken Wahrheit in diesem Satz läge, mit welchem Recht haut man es einem Menschen vor den Kopf und hinterlässt noch mehr Fassungslosigkeit und Schmerz?
Aber es sind auch Menschen, die ihre eigene Art haben, mit YoFis Tod umzugehen. Meine Enkelin Zoe, zum Beispiel. Als Jessi ihr Samstag weinend erklärte, dass ihr kleiner Onkel nun ein Engel, oben im Himmel sei, schaute Zoe ihre Mama fest an und sagte „Dann müssen wir in ein Flugzeug steigen und zu Yorik in den Himmel fliegen, um ihn zu besuchen!“
Oder unsere kleine Romy, die aussieht wie ein Engel und beim Spiel mit ihrer älteren Schwester Emmy, dieser gern die Rolle der Prinzessin überlässt und selbst der Oger sein will. Sie schaute mich an und sagte „Nein, Yorik ist kein Engel. Er ist jetzt ein Drache!“, dabei blickte sie mich überzeugt an und nickte lächelnd. Für sie sind Drachen Beschützer, Glücksbringer und das verkörperte Symbol von Kraft. Wie recht sie doch hat!

Gestern fuhren wir gerade durch den Ort, um uns um die Blumen für die Beerdigung zu kümmern und im Radio lief „Geboren um zu leben“ von Unheilig. Mir standen die Tränen in den Augen und plötzlich war es, als hörte ich eine Stimme, die sagte „Da ist Dein Sohn!“. Ich schaute auf, auf den Gegenverkehr und erkannte den Wagen des Bestatters, der gerade Richtung Friedhof fuhr. Dabei schrie ich regelrecht meinen Mann an „Da ist unser Sohn! Unser Sohn ist gerade an uns vorbei gefahren!“
Später telefonierte ich mit dem Bestatter, da er uns den Termin für die Beerdigung für Samstag bestätigte. Ich fragte ihn, ob er unseren Sohn aus Hannover geholt habe und er bejahte. Also fragte ich weiter, ob er da, wo wir ihm begegneten, YoFi zum Friedhof gebracht habe und wieder bejahte er. Einerseits musste ich weinen, aber andererseits fühlte es sich gut an, die Begegnung am Nachmittag so gespürt zu haben, denn es zeigt doch, dass YoFi und wir, über seinen Tod hinaus verbunden bleiben.

Die kommenden Tage werde ich mich noch ablenken können, wie wir alle es versuchen, doch Samstag müssen wir uns der unvermeidlichen Wahrheit stellen. Es gibt kein Zurück. Wir werden unseren Sohn zu Grabe tragen und auch wenn wir fühlen, dass YoFi auf seine Art immer bei uns ist, wird uns die Beerdigung bedingungslos verdeutlichen, dass die Zeit, wie wir sie mit YoFi erleben durften, nicht wieder zurückkommt.
Es gibt dann kein Ablenken mehr, kein zwanghaftes Wegsehen, es muss direkt angesehen und in sich aufgenommen werden.
Viele Menschen wollen uns bei diesem Weg begleiten und ich bin dankbar dafür, denn sie zeigen uns damit auch, dass unser kleiner Prinz, in der kurzen Zeit seines Lebens, Menschen einander näher brachte. Freunde planen heimlich und denken, ich weiß von nichts, aber das Eine oder Andere, lässt sich erahnen und es fühlt sich so unglaublich gut an, dass sie YoFis Beerdigung unter das Motto der Liebe stellen wollen. Liebe und Freude, die Wärme unseres kleinen Prinzen auf ewig gemeinsam in uns zu tragen.
Und doch bleibt die Angst vor Samstag, denn ich weiß, dass an diesem Tag, der kleine, so geliebte Körper, der die starke Seele YoFis beheimatete, für immer begraben wird.