Archiv für 19. Februar 2012

YoFis Heimkehr

Geschrieben von YoFisMam. Abgelegt unter Tagebuch von Mama

Ich sitze hier und versuche zu verstehen, zu begreifen und irgendwie auch aufzuwachen aus dem Albtraum, in dem ich mich befinde. Nie wieder werde ich ein Lächeln von meinem kleinen Prinzen geschenkt bekommen, nie wieder sein Kinn küssen, bis er wohlig den Kopf an meinen Mund drückt, nie wieder den Lach-Button auf seinem Bauch kitzeln und nie wieder wird mich ein Blick aus seinen faszinierenden, dunkelblauen Augen gefangen halten. Mein Kind starb vor 34 Stunden und noch immer begreife ich es nicht.
Der Anruf kam in der Nacht vom 17. auf den 18. Februar 2012. Es war 02:10 Uhr und ich wollte, nach einem Filmabend, den wir bei meiner ältesten Tochter verbracht hatten, nachdem mein Mann am Abend von YoFi für das Wochenende nach Hause kam, noch schnell die Mails checken, da ich eine wichtige erwartete. Vor mir lag mein Handy und bereits als es Bruchteile vor dem Klingeln zu vibrieren begann, sah ich die Nummer mit der Vorwahl der Klinik.
„Nein!“ schrie ich auf, denn ich ahnte, dass dieser Anruf nichts Gutes verhieß. Während ich den Anruf annahm, war mein ältester Sohn bereits an meiner Seite und keuchte ängstlich „Was ist?“

Die Oberärztin der Intensivstation war dran. Mit ihrer wie gewohnt freundlichen Art erklärte sie mir, dass YoFis zustand sich abrupt verschlechtert hatte. Diesmal war es nicht „nur“ die Sauerstoffsättigung, sondern sämtliche Werte. Sehr einfühlsam und doch direkt, ohne zu beschönigen, sagte sie, dass es nach ihrer Einschätzung keine Hoffnung gibt, dass YoFi diese Nacht überlebe. Wenn wir kommen und uns verabschieden möchten, dann würde man versuchen, ihn am Gehen noch einen Moment zu hindern, aber versprechen konnte sie nichts. Natürlich würden wir kommen, aber es würde etwas eineinhalb Stunden dauern, sagte ich und merkte, wie mir die Luft immer knapper zu werden schien. Die Ärztin bat uns vorsichtig zu fahren und dann legten wir auf. Ich sah Timo an, stotterte, was die Ärztin gesagt hatte und bat ihn Achim zu informieren, der im Bad war. Als Timo die Treppe hinunterlief und bereits vor dem Bad rief „Achim, die Klinik hat gerade angerufen…“, hörte ich meinen Mann unten bereits laut „NEEEEIIIINNNN!!!“ brüllen.
Er kam sofort hoch, sah mich an, ich wiederholte alles, während wir hektisch in Schuhe und Jacke schlüpften. Dabei informierte ich noch Jessi telefonisch und wir brachen auf. So hektisch und angespannt wir eben noch waren, befiel uns eine fast unheimliche Ruhe im Auto. Abwechselnd hingen wir unseren Gedanken nach, bevor wir sie aussprachen. Wir waren uns einig, dass wir unseren kleinen Prinzen nicht verlieren möchten, aber dass wir immer gesagt haben, ER trifft die Entscheidung ob und wann er geht. Dies hatten wir jetzt zu akzeptieren und sogar stolz auf unseren Sohn zu sein, überhaupt so eine große Entscheidung treffen zu können.
Mein Mann nahm meine Hand. Ich hörte ihn schlucken, um sprechen zu können und dann brach es aus ihm heraus „Unser kleiner Mann kommt nach Hause, Sylvi. Er kommt endlich nach Hause!“
Ich wusste, wie er es meint, nickte nur und meine Tränen wollten nicht aufhören, mein Gesicht hinunter zu laufen.
Auf der Autobahn holte ich alles aus unserem Auto raus, was noch vertretbar war, wenn auch äußerst großzügig ausgelegt. Aber es ging nicht, wir spürten, dass Eile geboten war und wir MUSSTEN doch bei ihm sein, wenn YoFi geht.
Endlich waren wir an der Klinik und rannten fast durch die Gänge, auf die Station. Den Anblick, als wir ins Zimmer kamen, werde ich nie vergessen! YoFi lag in seinem Bett, sein Bobbel, das Seepferdchen, dass seine Lieblingsmelodien spielte, lief. An seiner linken Bettseite stand eine Schwester, an der rechten Bettseite saß die andere Schwester, hielt YoFis Hand und sprach mit ihm. „Siehst Du, ich habe Dir doch gesagt, dass Papa und Mama kommen und Du warten sollst.“ Dann streichelte sie ihn und sagte „Und jetzt machen wir es Euch etwas gemütlicher.“
Ich stürzte zu meinem Sohn, küsste ihn, begrüßte ihn und Tränen liefen mir über das Gesicht. Die Schwester, die auf der linken Bettseite stand, holte mich in die Realität. Lieb, aber bestimmt sagte sie „Nun kommen Sie erst einmal auf meine Seite und setzen sich hier in den Stuhl, dann geben wir Ihnen den Kleinen auf den Arm.“
Wie mechanisch folgte ich ihrer Aufforderung. Beide Schwestern sortierten eilig Zugänge, wickelten die Decke neu um YoFi und wollten ihn gerade zu mir herüber heben, als wieder alle Signale am Monitor einen Abfall signalisierten. Noch einmal drückten sie auf die Medikamentendosierung, sahen uns an und erklärten, dass sie ihm noch einen kleinen Schub geben würden, das dann aber auch der Letzte bleiben sollte, da es ihn nur für immer kürzer werdende Augenblicke hält, ohne wirklich von Besserung sprechen zu können. Der Blick auf den Monitor bestätigte mir, was sie meinten. Alle Werte waren in so niedrigen Bereichen, trotz des Medikaments, dass uns niemand erklären musste, wieviel näher YoFi dem Tod, als dem Leben war.
Und dann lag mein Sohn in meinen Armen. Wie sehr hatte ich mir in den Wochen immer wieder gewünscht, ihn zu halten und nun lag er endlich in meinem Arm. Aber die grauenvolle Gewissheit, dass dieses Kuscheln unser letztes sein sollte, hing wie eine düstere Wolke über uns.
Ich überdeckte dieses kleine, so geliebte Gesicht mit Küssen und flüsterte immer wieder, wie stolz ich auf ihn bin. Dass er auch dann noch mein kleiner Wikinger und größter Krieger ist, wenn er nun einen anderen Weg geht und dass ich sicher bin, er kommt nun auf seinem Weg nach Hause, als Engel. Wenn er uns sucht, soll er seinem Seepferdchen folgen. Wie ich ihm versprochen habe, werde ich darauf aufpassen und es spielen lassen, damit YoFi den Weg nach Hause findet. Auch Achim küsste unseren Sohn immer wieder, versicherte ihm, wie stolz auch er auf ihn ist und wie sehr er YoFi liebt. Noch einmal drückten wir dem Seepferdchen auf den Bauch, damit es YoFi die ihm so vertrauten Melodien spielt, erzählten ihm ein bisschen von seinen Geschwistern, küssten ihn immer wieder und sagten noch öfter „Ich liebe Dich!“.
Dann bemerkte ich, aus den Augenwinkeln, dass auf der anderen Seite des Bettes, wo der Monitor hing, den man von uns weggedreht hatte, beide Schwestern geschäftiger wurden. Ich wollte nicht wissen, warum. Es waren nur Bilder, keine Geräusche und ich konzentrierte mich ganz auf meinen Sohn.
Eine der Schwestern trat hinter mich, legte ihre Hände auf meine Schulter, streichelte mich kurz und flüsterte sanft „Ich schalte die Beatmung jetzt aus.“ Ich sah sie an, wusste nicht, wie ich es formulieren sollte und fragte schließlich nur leise „Ist er jetzt…?“
Sie nickte, streichelte mir weiter die Schulter, schaltete die Beatmung aus und ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass seine Brust sich nun nicht mehr heben und senken würde, dass sein kleines Herz aufgehört hatte zu schlagen und nie wieder mit einem Pochen den Kampf um sein Leben signalisieren würde.
„Ich befreie den kleinen Mann mal von den Schläuchen, ja?“ die Schwester deutete auf Magensonde und Beatmungsschlauch. Ich nickte, wollte aber nicht zusehen, wie die Schläuche gezogen wurden, also hielt sie ein Tuch so, dass ich nichts sehen musste.
Dann lag mein kleiner Prinz in meinen Armen und zum allerersten Mal, außer auf einem Foto, dass mein Mann direkt nach der Geburt gemacht hatte, sah ich meinem Kind in sein wunderschönes Gesicht, in dem kein Pflaster klebte, kein Schlauch steckte.
Immer und immer wieder küsste ich YoFi, weinte still vor mich hin, sprach zu ihm, küsste weiter. Dann gab ich Achim unseren Sohn, damit auch er unseren kleinen Prinzen halten konnte. Seine großen Finger streichelten zärtlich jede Einzelheit von YoFis Gesicht und auch er sprach von all dem Stolz und der Liebe für unseren kleinen Kämpfer. Immer wieder hörte ich, wie mein Mann sagte „Nun kommst Du endlich nach Hause!“ und ich spürte, dass ich einen Moment raus musste. Die Kinder anrufen, die zu Hause warteten und bangten.
Ich rief Timo an, danach Jessi und verfasste eine SMS an die Paten und engen Freunde. Als ich mein Telefonbuch auf und ab ging, aber doch nicht begriff, welche Namen ich lese, fing ich an, innerlich mit mir zu schimpfen. Was tat ich hier? Mein Platz war doch da drin, bei meinem Kind. Aber es fühlte sich so an, als könnte ich mit dieser kurzen Auszeit so tun, als sei der Tod meines Kindes gar nicht real, als ginge ich gleich wieder hinein und mein Sohn liegt wieder angeschlossen an alle Monitore und Beatmung, während mir die Schwestern mitteilen, er habe den Kampf wohl erneut aufgenommen und lebt weiter.
So sehr ich es mir auch wünschte, sagte dies niemand. Mein Sohn blieb tot und nichts konnte das ändern.
In den nächsten Stunden hielten Achim und ich abwechselnd unseren kleinen YoFi. Wir redeten mit den Schwestern über Dinge, die mit der Trauer und dem Schmerz zu tun haben, mit der Hoffnung, die wir nie verloren, aber wir plauderten manchmal auch für Momente einfach nur so, um nicht ganz und gar überflutet zu werden, von dunklen Wogen, die sterben mit sich bringt. Die ganze Zeit hielten wir abwechselnd unseren kleinen Prinzen, bezogen ihn mit ins Gespräch ein, als schliefe er nur und es fühlte sich so gut an, dass niemand erwartete, uns einfach mit all dem abzufinden und uns zu verabschieden, um dann zu gehen. Man ließ uns alle Zeit, die wir brauchten und wollten. Dann erzählte ich, dass wir doch eigentlich noch Abdrücke von seinem Fuß und seiner Hand hatten machen wollen. Die Schwestern sahen mich an und meinten „Das können wir doch jetzt noch machen!“ und schon brach geschäftiges Treiben aus. Man holte einen Doppelrahmen, Gießmasse, Sternchen zu Verzierung u
nd dann wurde Gussmasse angerührt. Fast heiter wurde die Stimmung, da doch beide Schwestern feierlich erklärten, keine besonders talentierten Bastler zu sein und sie ihr Bestes geben würden.
Ich wollte nicht dabei sein, wenn sie Hand und Fuß meines Babys in die Masse drücken würden. Nicht in diesem Moment, so sehr ich mir die Abdrücke auch wünschte. Also gingen wir wieder raus, rauchten, hielten uns fest und erinnerten uns, Arm in Arm, an so viele kleine Erlebnisse mit unserem YoFi.
Als wir wieder ins Zimmer kamen, saß eine der Schwestern mit YoFi liebevoll an die Brust gedrückt, auf einem Stuhl und feuerte ihre Kollegin an, die fast schon unter Schweiß die zähe Masse zu rühren versuchte.Es war ein fröhliches Bild, trotz all der Traurigkeit und es half mir, meinen Sohn selbst zu halten, während wir die Abdrücke machten. Während eine Schwester ihm Hand und Fuß mit Vaseline eincremte, sprach sie zu ihm „So, jetzt muss ich Dich mal einschmieren, damit wir Dich dann wieder aus dem Gips kriegen. Nein, mach Dir keine Sorgen, wir waschen Dir nachher die Schmiere auch wieder ab.“
Niemand, der nicht selbst eine solche Situation kennt, kann nachvollziehen, wie wichtig das Gefühl ist, dass man uns dort gab, indem man mit YoFi sprach und nicht einfach so tat, als existiere er gar nicht mehr oder nur noch als leblose Hülle.
In all den Stunden, die wir dort zum letzten Mal bei unserem kleinen Prinzen waren, ließ auch niemand zu, dass er irgendwo abgelegt wurde. Hielten nicht wir ihn, tat das eine Schwester. Es war eine ganz besonders wundervolle Respektsbezeugung unserem Kind gegenüber, die ich nie vergessen werde.
Gemeinsam mit den Schwestern suchten wir die Kleidung heraus, die YoFi nach dem Waschen angezogen bekommen sollte. Auch hier hielten die Schwestern die Stimmung locker, verglichen Strampler, wie süß sie doch diesen oder jenen finden würden, dass dieser hier leiden nicht mehr passt… Mit einem Blick auf YoFi und einem niedlichen Einteiler, schmunzelte die Schwester, schüttelte den Kopf und sagte „Yorik, Du bist aber in der letzten Zeit auch ganz schön gewachsen! Da muss man schon suchen, was Dir noch passt.“
Und ich weinte. Einerseits aus Freude, weil mein Baby mit einbezogen wurde, andererseits aus Traurigkeit, denn ich hatte erst ein paar Tage zuvor viele neue Einteiler gekauft, auf deren Lieferung ich nun wartete und die YoFi eigentlich doch noch tragen sollte. Sie würden nun niemals von ihm getragen werden können und so einsam zu Hause sein, wie wir alle es sein werden.
Wir beschlossen, dass YoFi den Strampler anziehen sollte, den er bei seiner Taufe trug. Ein warmer, weißer Einteiler, mit lustigen Bärchen, kleinen Sternen und blauen Stickereien. Die Schwester suchte noch eine Body und Söckchen passend dazu heraus und dann beschlossen wir, das YoFi nicht in der grünen Decke eingehüllt werden sollte, sondern der Hellblauen, auf dem sein Name und Geburtsdatum gestickt war, die er von Jessi und Daniel zu seinem einzigen Weihnachten auf dieser Erde bekommen hatte. Sie passte so gut dazu!
All die Sachen legten wir an die Seite und Achim begann YoFis Sachen zu packen. Man bot uns an, dass wir die Sachen später holen oder man sie uns zuschicken könnte, aber ich wollte sie gleich mitnehmen. Noch einmal dafür in die Klinik zu kommen, hätte ich nicht geschafft. Mit der Klinik verband ich YoFi und Momente, die wir mit ihm verbringen konnten. Hierhin zu kommen, seine Sachen zu holen und nicht über ihn herfallen und ihn küssen zu können, würde ich nicht ertragen.
Es war klar, dass wir nicht ewig hierbleiben konnten, ihn loslassen müssen, damit er gewaschen und angezogen werden kann, um dann in die Pathologie verlegt zu werden, von wo aus der Bestatter ihn dann abholen würde. Der Gedanke, dass mein Kind dort Tage allein liegen würde, ließ mich innerlich schreien, aber mein Mann half mir, indem er mich immer wieder daran erinnerte, dass YoFi doch nicht wirklich hier, sondern bei uns zu Hause sein würde.
Es war schwer, mich zu zwingen, mein Kind loszulassen und zu gehen, aber der Respekt, mit dem die Schwestern ihn auch jetzt noch behandelten, half mir zu wissen, dass er in guten Händen ist, bis er dann heimkommen würde, um einen Platz ganz in unserer Nähe zu bekommen. Vorsichtig legte ich ihn in sein Bettchen, deckte ihn zu, küsste ihn noch einmal so, wie er es immer so gern gehabt hatte und dann lächelte, sagte ihm noch einmal „Ich liebe Dich für alle Ewigkeit!“ und sah dann zu, wie Achim ebenso Abschied nahm.
Auf dem Flur verabschiedeten wir uns von den Schwestern, bedankten uns dafür, dass sie diese Stunden für uns so liebevoll gestaltet hatten und wir umarmten uns alle.
Ein letztes Mal verließen wir die Station, die für YoFi, bis auf einen Abstecher von zwei Wochen, wo er auf einer anderen Station war, sein zu Hause gewesen war.

Als wir gingen, durchschritten wir die Flurtür und ich sagte zu Achim „Weißt Du noch? Am Tag von Yoriks Geburt, als Du mich zum ersten Mal zu ihm brachtest und mich mit dem Rollstuhl hier lang gefahren hast?“ Er nickte, drückte mein Hand etwas fester und dann gingen wir zum Ausgang. Ein letztes Mal durch diese Tür.
Wir fuhren vom Parkplatz. Ein letztes Mal von dem Parkplatz, auf dem wir so oft geschimpft hatten, dass man oft keine freie Parklücke findet. Ich sah hinauf, zu den Fenstern der Frauenklinik, dem Zimmer, auf dem ich die ersten drei Tage nach YoFis Geburt gelegen hatte. Tage, an dem ich noch so zuversichtlich war, dass mein Baby bald mit uns heimkommen würde, um dann, in ein paar Monaten, operiert zu werden, um danach ein langes, glückliches und gesundes Leben zu haben.
Innerlich waren wir wie gelähmt. Als hätte man uns betäubt und unfähig gemacht, etwas zu fühlen.
Wir fuhren zum Hotel, das fast vier Monate unser zweites Zuhause war. An der Rezeption meldete ich unseren Auszug ab, bezahlte die Rechnung der zusätzlich angefallenen Kosten und dann gingen wir hinauf, Sachen packen.
Mit einem Gepäckwagen verlud Achim alle Sachen ins Auto. Koffer,… Waschutensilien,… den kleinen Weihnachtsbaum, den ich in der Adventszeit auf dem Tisch stehen hatte,… den Sterilisator, den ich brauchte, als ich noch für YoFi Milch abpumte,… Bücher,… Kerzen, die immer für YoFi brannten,… das Fotoalbum „Mein Baby“, das wir für YoFi angelegt hatten,… So viele Dinge mussten verladen werden und am Ende starrten wir in das Zimmer, so leer, wie es damals, bei meinem Einzug war. Ein letztes Mal drückte ich die Lichtschalter und schloss die Tür. Ein letztes Mal fuhren wir mit dem Fahrstuhl hinunter. Ein letztes Mal verließen wir das Hotel und gingen zum Auto.
Ein Abschnitt unseres Lebens, das, was uns vier Monate so aus unserer gewohnten Umgebung geholt hatte, hin und her gerissen zu sein, zwischen seinem Kind hier und den Kindern zu Hause, war zu Ende. Aber es fühlte sich nicht gut oder erleichternd an. Es war auch traurig, denn es unterstrich unseren Abschied von unserem jüngsten Sohn, mit unvorstellbarer Kälte.
Dann fuhren wir nach Hause. Im Auto all das, was hier zu den vergangenen Monaten gehörte, all das, was zu YoFis Leben direkt oder indirekt gehörte.
Planlos fuhren wir gleich zum Bestatter, klingelten und seine Frau öffnete uns. Achim suchte nach Worten, wusste nicht, wie er ihr erklären sollte, warum wir da sind und so sprach ich. „Unser Sohn ist vor sechs Stunden gestorben. Wir kommen gerade aus der Klinik und wissen nicht, wie es weitergeht oder um was wir uns kümmern müssen.“ Und dann versagte meine Stimme, ich weinte einfach nur noch.
Sichtlich schockiert, bat uns die Frau des Bestatters hinein, bot uns einen Platz an und musste sich sehr bemühen, selbst nicht die Fassung zu verlieren, als sie uns nach Einzelheiten fragte. Sie bat uns um Verzeihung, wenn sie so mitfühlte, dass sie selbst die Tränen kaum unterdrücken könnte, aber ihr ginge es so sehr ans Herz, wenn Kinder verabschiedet werden. Was sollten wir ihr verübeln? Dass sie am Tisch saß und mit uns weinte? Nein, da gab es nichts zu verübeln. Es fühlte sich so gut, so verstanden an.
Es war Samstagmorgen und sie erklärte, dass man heute nicht viel machen könnte. Da zuerst geklärt werden müsste ob und in wie fern das Amt uns finanziell bei der Beerdigung unterstützen würde, wollte sie gleich Montag dort anrufen, sich erkundigen und dann bei uns melden. Sobald geklärt wäre, wer die Kosten trägt und was zu Verfügung steht, würde YoFi aus Hannover geholt und die Formalitäten dort geregelt werden. Das würde auch der Bestatter tun. Wir würden dann alle Details besprechen und auch der Termin der Beerdigung würde festgelegt werden. Ich bat sie, nicht zuzulassen, dass uns das Amt, aufgrund der geringen finanziellen Unterstützung vielleicht zwingen könnte, unseren Sohn einäschern zu lassen. Die Erlaubnis zu erteilen, diesen wundervollen, so geliebten Körper zu verbrennen, würden wir nicht verkraften.
Ein kleines Grab, mit einem kleinen Stein oder Grabplatte, mit seinem Namen und Lebensdaten, ein kleines bisschen Platz für eine Figur, eine Kerze und vielleicht ein paar Blümchen, mehr wollten wir nicht. Und sie versprach uns zu helfen, so gut sie konnte.
Dann fuhren wir heim zu den Kindern, hielten unsere älteren Söhne im Arm und versuchten unseren kleinen Töchtern begreiflich zu machen, dass ihr kleiner Bruder nun ein Engel sei.
Romy, mit ihren drei Jahren noch zu klein, um zu verstehen, jubelte „Ja, Yorik ist ein Engel!“ und begriff nicht, dass dies auch bedeutete, ihn nie wieder besuchen zu können.
Emmy, die bereits in der Schwangerschaft ihren kleinen Bruder so sehr geliebt hatte, sah uns nur verständnislos an und versuchte ständig das Thema zu wechseln. Nein, sie wollte nicht hören, dass sie nie wieder an YoFis Bett stehen, ihn streicheln und „Funkel, funkel, kleiner Stern“ für ihn singen würde. Sie ignorierte und hüllte sich in Schweigen, wenn wir auf YoFis Tod ansprachen. Für sie würde YoFi immer leben und wir ließen es erst einmal gut sein. Sie würde noch so sehr mit dem Tod konfrontiert werden, wenn die Beerdigung ist, dass wir sie jetzt nicht quälen wollten.

Wir gingen ins Schlafzimmer. Ich nahm das Seepferdchen und wickelte es in die Decke, in der YoFi gelegen hatte, als sein Herz zu schlagen aufgehört hatte. Wie mein Baby, hielt ich das Seepferd im Arm und sprach zu ihm, dass wir nun beide allein seien, bat es, YoFis Seele den Weg nach Hause zu zeigen. Die Decke duftete nach meinem kleinen Prinzen, nach seinem Duft aus Sahnebonbon, etwas Pflaster und einem winzigen Hauch Desinfektionsmittel. So hielt ich das Seepferdchen im Arm, vergrub meine Nase in der Decke und schlief ein. So, wie ich mir immer erhofft hatte, mit YoFi einzuschlafen, wenn er das erste Mal nach Hause kommt.
Gestern und heute, immer, wenn die Traurigkeit und der Schmerz so unerträglich zu werden droht, gehe ich ins Schlafzimmer und halte Seepferdchen und Decke fest. In der Nacht lag es in der Mitte, zwischen Achim und mir und wir umarmten es beide. Es war die wichtigste Verbindung, die uns körperlich greifbar von unserem kleinen Prinzen geblieben war und wir würden uns an ihr festhalten, bis der Schmerz erträglicher wird.

Mein kleiner Prinz, mein Yorik-Finnley, Du hast ein kurzes Leben gehabt und doch geschafft, uns so viel zu lehren. Deine Liebe und unsere Liebe zu Dir, hat die wenigen Monate, die wir irdisch miteinander verbringen durften, zu etwas Besonderen gemacht. Nichts wird in unseren Herzen vergessen werden können. Keines Deiner Lächeln, nicht Deine Wärme und auch nicht Deine unsagbare Kraft, die uns selbst zeigte, wieviel stärker Du bist.
Mein kleiner Spatz, ich vermisse Dich so unbeschreiblich! Und doch würde ich immer wieder diesen Weg gehen, wenn ich noch einmal in der Zeit zurückreisen könnte und vor den selben Entscheidungen stehen würde, vor die man uns in der Schwangerschaft stellte. Jeder Tag Deines Lebens, war es wert, gelebt zu werden, denn er hat wahre Zeitalter in uns bewegt. Ich habe mir so sehr gewünscht, noch genug Zeit mit Dir verbringen zu können, bis Du laufen und sprechen kannst. Irgendwann werde ich Dir folgen und Dich halten. Wirr werden zusammen sein, frei, nicht an Räume oder Schläuche gebunden. Dann werde ich Dich über Wiesen tragen, im Gras mit Dir liegen, Dich im Arm halten und Dich mit meinen Küssen nicht nur zum lächeln, sondern auch lachen bringen. Dieser Tag mag für mich noch fern sein, aber er wird kommen, dessen bin ich mir gewiss. Und wenn meine Traurigkeit und die Frage, wie ich die Zeit bis dahin überstehen soll, zu groß wird, dann denke ich an die Zeit, als es
Dir auf Erden kurze Wochen besser ging, ich Dich halten durfte, Du mich ansahst und ich Dir vorsang.

Hell wie der Lichtschein auf dem Wasser,
zeigt meine Liebe Dir Dein Ziel.
Sonst könntest Du verlassen,
Deinen Weg verpassen,
gib nicht auf, den Mut vermag soviel.

Ich bin der Lichtschein auf dem Wasser
und zeige Dir den Weg nach Haus.
Du bist bei mir geborgen,
mach Dir keine Sorgen,
bald siehst Du ein goldnes Licht voraus.

Die Strömung hat Dich fort getrieben,
Dein Schiff hat sich verirrt in Sturm und Nacht.
Doch ist die Hoffnung mir geblieben,
die niemals verweht,
hell wie ein Gebet.

So wie der Lichtschein auf dem Wasser,
die wilden Wellen nicht verlässt,
bin ich bei Dir zur Stunde,
reiche Dir zum Bunde,
meine Hand, halte Dich gut fest.

Bei jedem Sturm zum Trotz.
Ich lass Dich niemals los!

Einen lieben Dank, im Namen meiner Familie, von mir, aber auch von Yorik-Finnley, möchte ich an die Schwestern, Pfleger und Ärzte der MHH, Stationen 67 und 68b aussprechen.
Sie alle haben uns und unserem Sohn aufopferungsvoll und mit viel Herz eine ganz besondere Zeit geschenkt und uns ermöglicht, dass wir überhaupt Monate miteinander verbringen und erleben konnten.
Ich danke vor allem den Schwestern, die uns ein Lachen schenkten, uns begleiteten und festhielten. Dr. Köditz für sein unermüdliches Engagement, unsere Hoffnung und Suche zu unterstützen. Ebenso danken wir Frau Goebel-Haase für die wundervolle Taufe, sowie Frau Dr. Seidemann, Hannah und Ronja, die uns beim Abschied mit so viel Nähe, Respekt und liebevoll zur Seite standen. Wir werden sie immer in liebevoller Erinnerung behalten.
Aber auch unseren Freunden und Helfern außerhalb der Klinik, möchten wir danken. Ohne Euch wären wir manches Mal in die Knie gegangen und hätten nicht gewusst, wie es weitergehen soll. Ihr seid für uns mehr als Freunde geworden.
Danke!